29. Januar 2011
16 Uhr, Röhrmeisterhaus
Einführung zum Theatergastspiel „Miß Sara Sampson“
Antike Quellen bei „Sara“ und „Emilia“
Vortrag von Prof. Dr. Gisbert Ter-Nedden, Bonn
Eintritt 2 €
„Lassen Sie uns […] bei den Alten in die Schule gehen. Was können wir nach der Natur für bessere Lehrer wählen?“ – so schreibt Lessing seinen Freunden. Was er bei den Alten gelernt hat, zeigt er dadurch, dass er sein erstes Trauerspiel „Miss Sara Sampson“ ausdrücklich als Modernisierung der Medea des Euripides ausweist, des ältesten und prominentesten aller aus dem Kampf der Geschlechter geborenen Rachetragödien. Auch die zeitgenössische Literatur stand im Zeichen des Geschlechterkampfs. Seine monströseste Gestalt fand er in den Briefromanen Richardsons, die sich mit einer geradezu pornographischen Monomanie auf den Kampf um die sexuelle Unberührtheit der Frau fixierten. Dergleichen war für Lessing vollkommen ungenießbar. Für die Tugend der Keuschheit hatte der junge Pfarrerssohn, der entschlossen war, die Bühne zur Kanzel für religiöse und moralisch-politische Aufklärung zu machen, keine Verwendung. Nicht die Sexualität ist die Quelle des Bösen und des Leids, das sich die Menschen einander zufügen, sondern der Feindeshass und ein Moralismus, der ihn dadurch rechtfertigt, dass er die Menschen in die Guten und die Bösen einteilt.
Derselbe radikale Bruch mit dem konventionellen Tugend-Laster-Moralismus liegt auch seiner Modernisierung des Virginia-Mythos in der „Emilia Galotti“ zugrunde. Es ist der Nachwelt in beiden Fällen schwer gefallen, den Bruch mit der Konvention verständnisvoll nachzuvollziehen. Der Grund für die Missverständlichkeit seiner Stücke liegt in der Sprache der tragischen Ironie, die er bei den attischen Tragikern gefunden und an der er sich geschult hat. Hier gibt es einen Nachholbedarf an Lesehilfen, zu dessen Begleichung der Vortrag beitragen soll.
Dr. Gisbert Ter-Nedden (Jg. 1940): Studium der Philosophie und Germanistik in Tübingen, Berlin und Bonn, 1967 Staatsexamen, 1973 Promotion mit einer Arbeit über die Blechtrommel von Günter Grass, 1981 Habilitation mit einer Arbeit über Lessings Trauerspiele, 1985 bis 2005 Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Fernuniversität in Hagen.
19.30 Uhr, Stadttheater
Miss Sara Sampson
Gotthold Ephraim Lessing
Gastspiel des Theaters Ansbach
Regie: Mareile Metzner
Eintritt 13 € / 11 €
Der zwielichtige Mellefont will mit seiner Geliebten, der behüteten Sara Sampson, das Land verlassen. Dem flüchtigen Paar auf der Spur sind jedoch sowohl der Vater Sampsons als auch die ehemalige Geliebte Mellefonts, Marwood, die Mellefont um jeden Preis zurückgewinnen will.
„Miss Sara Sampson“ ist das erste bürgerliche Trauerspiel der neueren Deutschen Literatur und läutete das Zeitalter der Empfindsamkeit ein. Über die Uraufführung 1755 wurde berichtet, dass „die Zuschauer … drey und eine halbe Stunde zugehört, stille geseßen wie Statüen, und geweint.“ haben.
Die Figurenkonstellation, die Lessing schuf, ist so heutig, dass in der Inszenierung des Theaters Ansbach Lessings Anliegen in unsere Zeit transportiert wird, so dass uns die Personen und Situationen allbekannt vorkommen.


