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Geleitwort

Roland Dantz, Oberbürgermeister der Lessingstadt Kamenz

„Lassen Sie uns hier bei den Alten in die Schule gehen.
Was können wir nach der Natur für bessere Lehrer wählen?“

G. E. Lessing, Briefwechsel über das Trauerspiel

„... etwas Neues an dem Alten entdecken, ist wenigstens ebenso
rühmlich, als das Alte durch etwas Neues bestätigen.“

G. E. Lessing, Wie die Alten den Tod gebildet

„Lessing und die Antike“ lautet der Leitgedanke der 48. Kamenzer Lessing-Tage. Sie bilden den Auftakt eines für Kamenz bedeutsamen Jahres. Denn die Stadt Kamenz ist Ausrichter des 20. Tages der Sachsen, welcher im September 2011 unter dem Motto „Lessing, Lausitz, Lebensfreude“ stattfindet und auch auf diesem Wege seinem großen Sohn Tribut zollt.

Doch zunächst steht Gotthold Ephraim Lessing – berechtigterweise – ganz allein im Interesse des Geschehens. Lessing fühlte sich der Antike, sowohl der griechischen als auch der römischen, verpflichtet und ist ohne deren Traditionslinien nicht denkbar. Eine genaue Betrachtung dieses produktiven Spannungsverhältnisses würde ergeben, dass Lessing einerseits die antiken Muster, die er sicher für maßstabsetzend hielt, für seine Gegenwart (und damit auch für uns) nicht als kritiklose Vorbilder heranzog, sondern – in gewisser Hinsicht historisierend – vielmehr darin das Wesentliche aufzufinden versuchte. Andererseits benutzt er, wobei „benutzen“ den Vorgang der schöpferischen, auch indirekten und unbewussten Umdeutung
oder Umfiguration nur unzureichend beschreibt, das antike Erbe als Material, um seine Literatur- und Kunstauffassung auszubilden, die mitten in die Gegenwart der Moderne zielt. In diesem ästhetischen Wirkenwollen aber auch in ihrer kritischen
Essayistik trifft er sich mit der Schriftstellerin Monika Maron oder besser sie mit ihm. Und sicher ist es kein Zufall, dass nach dem Doppeljubiläum „20 Jahre Friedliche Revolution – Deutsche Einheit“ mit Monika Maron eine prominente ostdeutsche Schriftstellerin diesen Preis bekommt, die mit ihrem damaligen Roman „Flugasche“ das DDR-Tabu der ökologischen Verwüstungen in und um Bitterfeld anrührte. Sie gab dadurch Anstöße zur späteren DDR-Bürgerrechtsbewegung, die vielfach ihren Ausgang im Spektrum der ostdeutschen Umweltbewegungen nahm. Gleichzeitig steht ihre Biografie – auch oder gerade – für die Differenziertheit ostdeutscher Lebensläufe, die sich sicher einer kritischen Reflexion stellen müssen, aber eindimensionaler Beurteilungen entziehen. Mit der Verleihung der Förderpreise an die Autoren Renatus Deckert und Andreas Heidtmann wurde ebenso eine gute Wahl getroffen. Möge der Förderpreis sie auf ihrem bereits eingeschlagenen literarischen Wege weiter voranbringen.

Ein Höhepunkt, neben der Preisverleihung, ist die Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Lessing-Museum. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, veränderte Wahrnehmungsweisen und deren Umsetzung in eine adäquate an zeitgemäßen Bedürfnissen orientierten Ausstellungsstruktur präsentieren Lessings Leben und Werk eingebettet in seine Zeitumstände. Sie löst die verdienstvolle, aber aus dem Jahr 1984 stammende Dauerausstellung ab. In Konzeption und Umsetzung wurde sich dabei am lessingschen Prinzip orientiert, nicht die Vergangenheit um der Vergangenheit willen zu verwerfen, sondern daran anknüpfend bzw. darauf aufbauend neue Wirkungsimpulse für die Gegenwart zu entwickeln.

Dem Lessing-Museum, gemeinsamen mit seinen Partnern, ist es abermals gelungen, ein vielseitiges und interessantes Programm zusammenzustellen, welches in dankenswerter Weise auch 2011 wieder durch den Freistaat Sachsen und den Kulturraum Oberlausitz/ Niederschlesien sowie durch langjährige Freunde und Sponsoren unterstützt wird. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die durch den Bund beförderte Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption die im Zentrum der Lessing-Tage stehende Antike-Thematik durch die öffentliche Tagung „Lessing und das Judentum im Zeitalter der Aufklärung“ bereichert und damit noch eine ganz anders geartete Facette des aufklärerischen Wirkens Lessings und seiner Folgen aufzeigt.

In diesem Sinne erwarten die Kamenzer und ihre Gäste wieder vielseitige und anspruchsvolle Literatur-Tage, die uns im guten Sinne zu Wissenszuwachs und geistigem Genuss verführen sollen.

Grußwort  Vorbemerkungen