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Grußwort

Grußwort
von Sabine von Schorlemer, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst

Gotthold Ephraim Lessings Werke sind Schulstoff, seine Person findet sich in Denkmalen, Museen und auf den Seiten von Werkausgaben und ganzen Regalreihen ihm gewidmeter Schriften gewürdigt – das ist nicht immer die beste Voraussetzung, ihn als eine Persönlichkeit zu verstehen, der im besten Sinne unser Zeitgenosse ist. Und doch genügt es, eins seiner Bücher aufzuschlagen, um sofort zu merken, wie wenig furchteinflößend dieser intelligente, witzige, weltweise Autor ist – außer für die Feinde von Intelligenz, Witz und Weltweisheit. Es ist ein Vergnügen, ihn zu lesen, seine Personen auf der Theaterbühne agieren zu sehen oder seinen Erkenntnissen nachzusinnen. Und dabei sind seine originellen Gedanken nicht nur ästhetisch kunstvoll verfertigt, sondern die Inhalte, an denen er sich ergötzte und erzürnte, mit denen er uns zum Lachen und zum Nachdenken bringt, sind lebendig wie eh und je.

Es gab in der deutschen Geschichte genügend Zeiten, in denen Lessing nicht zufällig unter eine dicke Schicht Staub und Goldschnitt in die bürgerlichen Bücherschränke verbannt worden war oder selbsternannte Meinungsführer sich seiner in streng interessegeleiteter Auswahl bedienten. Doch wir Heutigen können selbstbewusst genug sein, uns auf den ganzen Lessing einzulassen, den Staub von den alten Papieren zu blasen und festzustellen, dass er einer von uns ist. Ja, dass wir uns wünschen mögen, heute unter den Geistesrittern in Literatur, Theater und Publizistik mehr Frauen und Männer von seiner geistigen Statur zu haben.

Schon Heinrich Heine ist das Bedauern über das Fehlen Lessings als realem Mitstreiter anzumerken, wenn er ihn rühmt: „Lessing machte der Lüge nicht die geringste Konzession, selbst wenn er dadurch, in der gewöhnlichen Weise der Weltklugen, den Sieg der Wahrheit befördern konnte. Er konnte alles für die Wahrheit tun, nur nicht lügen.“

Die Lessing-Tage in der Geburtsstadt des Dichters sind eine großartige Gelegenheit, Meister Lessing wieder einmal von dem Sockel zu bitten, auf den ihn die Nachwelt gestellt hat, und mit ihm auf Augenhöhe den Ideen und Fährnissen der Gegenwart zu begegnen. Zu hören und zu sehen, wie aktuell er sich zu unseren scheinbar ganz unvergleichlich neuen Querelen äußert. Mit allem Ernst und aller unerlässlichen spielerischen Leichtigkeit wird er uns dann begegnen, bei den vielseitigen Veranstaltungen in der Stadt, im zeitgemäß neugestalteten Lessing-Museum und auch bei der Verleihung des Lessing-Preises des Freistaates Sachsen, auf die ich als Vorsitzende des Kuratoriums des Lessing-Preises mich schon besonders freue. Die Preisträgerin und die Förderpreisträger beweisen, so meine ich, dass auch unsere Zeit intelligente, witzige, weltweise Köpfe hervorbringt, die mit ihrem älteren Kollegen Lessing den Dialog über die Epochen hinweg fortsetzen können und sich dem von ihm mitgeprägten Geist von Aufklärung und Wahrheitsliebe, von künstlerischer Kompromisslosigkeit und Menschenzugewandtheit verpflichtet fühlen.

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